Liebe Kollegin, lieber Kollege,
ein Festzelt auf dem Oktoberfest ist ein Gebäude, das von Anfang an für sein Ende geplant wird. Über den Bierbänken spannt sich ein Tragwerk aus Stahl und Holz. Es überdacht Tausende Menschen, trägt Hopfenkränze und führt Kilometer an Kabeln. Nach dem Fest bauen es die Zeltbauer wieder ab, sie reißen es nicht ab.
Das Oktoberfest dauert in diesem Jahr vom 19. September bis zum 4. Oktober, also sechzehn Tage. Für diese sechzehn Tage entsteht auf der Theresienwiese eine Stadt auf Zeit. Sie hat Straßen und Plätze, Küchen, Strom- und Wasserversorgung und vierzehn große Festzelte. Das größte, das Hofbräu-Festzelt, fasst knapp zehntausend Gäste. Zur Halbzeit meldete die Landeshauptstadt München 3,8 Millionen Besucherinnen und Besucher. [Nach dem 4. Oktober: Endbilanz einsetzen.]
Seit wann baut München für die Wiesn eine Stadt auf Zeit?Seit mehr als zwei Jahrhunderten. Am 17. Oktober 1810 feierte München die Hochzeit von Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese mit einem Pferderennen vor den Toren der Stadt. Die Wiese trägt seitdem den Namen der Braut. 1818 kam das erste Karussell hinzu, später kleine Bierbuden. Die Zahl der Gäste wuchs schneller als die Buden.
1898 errichtete der Wirt Georg Lang die erste große Festhalle, seine „Bierburg“ mit 6000 Plätzen. Damit begann eine Bautypologie, die es so nur hier gibt: die Halle, die jedes Jahr neu entsteht. Die Konstruktionen wurden größer und technisch anspruchsvoller. Am Prinzip hat sich nichts geändert. Das Paulaner-Festzelt etwa kommt heute mit einem freitragenden Dach ohne Stützen im Innenraum aus und wird trotzdem jedes Jahr ab- und wieder aufgebaut.
Was lernt die Architektur von einem Festzelt?Sie lernt Gelassenheit in einer Frage, die die Branche derzeit mit großem Vokabular verhandelt. Zirkuläres Bauen, Urban Mining, Design for Disassembly: Die Begriffe füllen Tagungsprogramme und Förderrichtlinien. Auf der Theresienwiese ist das Prinzip seit Generationen Alltag.
Ein Festzelt funktioniert wie ein Bausatz. Beim Hofbräu-Festzelt etwa bleiben...
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Mit kollegialen Grüßen
Stuart Stadler
Architekt
Baukunst Akademie